„Kreativität ist die Basis von Innovation“

Foto: Gerhard Berger
„Je offener die Diskussions- und Kreativkultur in einem Unternehmen ist, desto eher finde ich auf kurzem Weg Lösungen für anstehende Probleme.“ Kurt Höretzeder

„Kreativität ist die Basis von Innovation“

„Je offener die Diskussions- und Kreativkultur in einem Unternehmen ist, desto eher finde ich auf kurzem Weg Lösungen für anstehende Probleme.“ Kurt Höretzeder

Kreativ zum Erfolg: Grafikdesigner und WEI SRAUM-Gründer Kurt Höretzeder über den Wirtschaftsfaktor Kreativität, ungenutzte Potenziale und die Notwendigkeit, auch schlechte Ideen zuzulassen.

Was ist Kreativität?

Kurt Höretzeder: Ohne Kreativität gäbe es uns Menschen so, wie wir heute sind, nicht. Wir waren von Anfang an kreativ –
vom Nutzbarmachen des Feuers bis hin zur Frage, wie man mit den komplexen Herausforderungen von heute umgeht. Die meisten Menschen verstehen Kreativität etwas oberflächlich als individuelle Fähigkeit, etwa wenn jemand malt oder einen Töpferkurs belegt, aber das beschreibt Kreativität nicht erschöpfend. Kreativität ist auch ein kulturelles, gesellschaftliches Phänomen.

Wie sieht ein tieferes Verständnis davon aus?

Der kreative Prozess begleitet uns alle ein Leben lang. Wenn man ein konkretes Problem angeht, beginnt die Auseinandersetzung auf einer sehr logischen Ebene: Man schaut sich an, was gibt es, was ist möglich, wo gibt es Schwierigkeiten, was ist der Stand der Dinge. Der nächste Schritt, die zweite Phase, ist ganz stark von dem geprägt, was man bisher gelernt und erlebt hat. Man hat einen unglaublich großen, überwiegend unbewussten Erfahrungsschatz, und das Faszinierende ist, dass das Gehirn weiter an Fragestellungen arbeitet, ohne dass wir gezielt darüber nachdenken. Dann kommt in der dritten Phase dieser wunderbare Heureka-Moment – bei oft ganz nebensächlichen Beschäftigungen bricht plötzlich eine Idee durch. In der vierten Phase übernimmt dann wieder die Logik, man analysiert und bewertet die Idee. Wenn man sich diesen Prozess anschaut, sieht man, dass Kreativität keine Methodik, sondern ein integraler Bestandteil des Menschseins ist, der von individuellen wie kollektiven Fähigkeiten befeuert wird. Und es gibt leider noch zu wenige Unternehmen, die das wirklich nutzen.

Warum ist das so?

In der Wirtschaft oder der Politik darf man immer nur ein bisschen kreativ sein, aber um Gottes willen nicht zu viel, weil man sonst eine Firma in den Abgrund wirtschaftet oder in der Politik so visionäre Utopien formuliert, dass man laut übereinstimmender Meinung aller BeraterInnen selbstverständlich nicht mehr gewählt wird. So wird Kreativität mit Angst vor Veränderung verbunden, was natürlich grundfalsch ist. Denn ohne visionäre Politik und Weitblick in der Wirtschaft gibt es keine Entwicklung. Da wäre viel mehr Mut notwendig. Damit man aber keine Angst hat, muss man Kreativität eben besser verstehen.

Welche Bedeutung hat Kreativität als wirtschaftlicher Faktor?

Kreativität ist die Basis von Innovation. Sie löst nicht primär Probleme, sondern stellt völlig neue Fragen und findet so Probleme, wo man vorher vielleicht noch gar keine erkannt hat. Kreativität schafft Möglichkeitsräume, und erst wenn man sich fragt, was man daraus konkret machen kann, wird daraus – vielleicht – Innovation. Vor allem Naturwissenschaftler-Innen und MathematikerInnen erklären oft, dass man den Moment, in dem plötzlich etwas völlig Neues entsteht, überhaupt nicht erklären kann, dass der aus dem Nichts kommt. Das ist schöpferische Kreativität, daraus entsteht wirklich Neues. Und um in diesen Bereich der schöpferischen Kreativität zu gelangen, braucht es in Unternehmen eine offene, kreative Prozesskultur, die die nötigen Freiräume bereitstellt, damit wirkliche Innovation möglich wird.

Sieht die Tiroler Wirtschaft das auch so?

Wir haben im Rahmen des Fö N-Summits eine Umfrage machen lassen zu Kreativität in der heimischen Wirtschaft. Eines der Ergebnisse war, dass viele Unternehmen das Thema zwar wichtig finden und sich für kreativ halten. Aber wenn man genauer nachfragt, stellt man fest, dass dahinter kein tieferes Verständnis von Kreativität steht.

In den wenigsten Firmen gibt es nichtzweckgebundene Kreativbudgets, man ist kaum bereit, etwas dafür zu investieren. Wir wertschätzen Kreativität einfach zu wenig. Natürlich kann man mit einem bestimmten Produkt lange erfolgreich sein, aber eigentlich sollte man sich immer die Frage stellen, ob das, was ich jetzt mache, vor dem Hintergrund der persönlichen wie gesellschaftlichen Situation sinnvoll ist und auch noch in 20 Jahren funktionieren wird. Oder ob es nicht doch noch neue und bessere Dinge gibt, die ich machen kann – und soll.

Das heißt also, es braucht eine neue – oder bessere – Kreativkultur in den Unternehmen?

Genau. „Interessant“ oder „wichtig“ finden es alle, aber Priorität hat es nicht, und das ist etwas, was sich Unternehmen eigentlich nicht leisten können. Damit nutzt man bestimmte Dinge nicht, die eigentlich da wären, und es bleibt viel Potenzial liegen, das wir gerade für die anstehenden Transformationen dringend bräuchten. Es wäre also ratsam, dem Thema mehr Bedeutung und Raum zu geben.

Wo gibt es besonderen Aufholbedarf?

Die Alltagsprobleme, die jedes Unternehmen plagen – von der MitarbeiterInnensuche bis hin zur Ressourcenbeschaffung –
sind oft so dominant, dass für Kreativität kein Raum mehr bleibt. Kreativität ist aber kein Luxusthema, sondern sollte Teil des normalen Alltags sein. Kreative Freiräume tun den MitarbeiterInnen und damit auch dem Unternehmen gut. Es reicht nicht zu sagen, man findet das Thema nett und interessant.

Kann jeder Mensch kreativ sein?

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Kreativität eine Fähigkeit ist, die jeder Mensch in sich trägt. Natürlich gibt es viele, die durch ihr familiäres Umfeld immer schon darin bestärkt worden sind, ihren Gedanken, Fähigkeiten, Talenten freien Lauf zu lassen und die sich dadurch eher als kreativ bezeichnen würden – und es durch dieses Lebensumfeld auch tatsächlich sind. Andere empfinden sich im Vergleich dazu als scheinbar nicht oder weniger kreativ, weil sie halt anders aufgewachsen oder in einem Umfeld tätig sind, das keine Freiräume lässt. Meistens sind es die Umstände, die das verhindern, nicht der einzelne Mensch. Deshalb ist Kreativität auch genau jene Eigenschaft, die in der Schule am allermeisten gefördert werden sollte, damit dieses kreative Feuer von Anfang an entfacht wird. Kreativität ist gleich wichtig wie Fachwissen, und das kann man sich später immer noch aneignen.

Was muss man tun, wenn man Kreativität als Teil der Unternehmenskultur leben will?

Es braucht im Unternehmen gewisse Abläufe, die Freiräume anbieten, die bereits erwähnte kreative Prozesskultur. Kreativität lernt man nicht, man übt sie, und sie muss täglich gelebte Praxis sein. In weiterer Folge sollte man die MitarbeiterInnen anhalten, nicht immer nur im eigenen Fachbereich tätig zu sein, sondern auch anderswo Erfahrungen zu sammeln – beim Reisen, beim Lesen, in der Musik, beim Sport oder wo auch immer. Dann gilt es herauszufinden, wie man solche Erfahrungen im eigenen Arbeitsumfeld fruchtbar macht, indem man sie mit Aufgaben betraut, die sie selbstständig lösen müssen. Das können Kleinigkeiten sein, später werden daraus dann vielleicht größere Dinge. Wie erwähnt: Kreativität stellt Möglichkeitsräume bereit, und gerade das ist für ein Unternehmen oft etwas schwer fassbar. Sie produziert oft zu viele Ideen, die auf den ersten Blick sinnlos sind, das ist ganz normal. Aber es ist grundlegend für eine kreative Unternehmenskultur, dass man ohne Scheu Gedanken teilen kann und keine Angst davor haben muss, etwas Blödes zu sagen. Die aus der Kindheit bekannte Angst vor LehrerInnen und MitschülerInnen darf sich nicht im Arbeitsumfeld fortsetzen. Wer Leadership falsch versteht, setzt diese autoritären Grunderfahrungen, die zu viele in ihrer Kindheit machen mussten, fort. Und unterbindet damit letztlich Innovation.

Dann braucht es nicht nur Freiräume, sondern auch Vertrauen und Wertschätzung?

Ja, Kreativität hat Vertrauen, Wertschätzung und Empathie zur Voraussetzung. Man muss darauf vertrauen, dass etwas Gutes entsteht, wenn man Menschen zu kreativem, eigenverantwortlichem Handeln ermuntern will, und man muss dafür auch den Mut haben, Geld und Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Jedes Unternehmen, das Risikokapital investiert, weiß, dass von zehn Investments acht oder neun nicht funktionieren – aber die ein, zwei gelingenden Investitionen sind es, um die es geht, und es gäbe sie nicht ohne die gescheiterten. Ähnlich ist es mit Ideen. Je offener die Diskussions- und Kreativkultur in einem Unternehmen ist, desto eher finde ich auf kurzem Weg Lösungen für anstehende Probleme. Und langfristig wird man damit im Bereich der strategischen Entwicklung eines Unternehmens mutiger und visionärer.

Welche Schritte kann man setzen, wenn man mehr Kreativität ins Unternehmen bringen will?

Externe Hilfe ist immer sinnvoll, das gilt bei kreativen Prozessen genauso wie bei Digitalisierungs- und Managementthemen. Viele UnternehmensberaterInnen berücksichtigen das in ihren Modellen ja auch schon, zumindest zu einem gewissen Grad. Und dann sollten sich auch ManagerInnen eingehend mit diesem Thema beschäftigen. Es gibt großartige Bücher, die dabei helfen, einen anderen Blick zu entwickeln.

Wie hat dieser Weg bei Ihnen ausgesehen?

Mein Beruf war immer Grafikdesigner, aber ich wollte mehr verstehen von der Welt, weshalb ich Politikwissenschaften, Geschichte und Philosophie studiert habe. Neugierde und eine lebenslange Offenheit für neue Fragen stellt für mich die Basis für meine Arbeit als Gestalter und meine persönliche Kreativität dar. Nebenbei erwähnt, habe ich das Wort Kreativität bewusst lange Jahre überhaupt nicht in den Mund genommen, weil es mir überstrapaziert und banal erschienen ist. Erst mit WEI SRAUM, dem Projekt kreativland.tirol und auch mit dem FÖ N-Summit habe ich mich in den letzten Jahren wieder intensiv damit auseinandergesetzt und dabei bemerkt, wie faszinierend Kreativität ist. Wenn man daher in der Unternehmensführung dem Thema eine Bedeutung geben möchte, dann muss man sich vor allem auch selbst damit beschäftigen. Schon die Auseinandersetzung mit dem Thema Kreativität kann zu einem kreativen Akt werden. Materialien und Möglichkeiten dafür gibt es genügend.

Zur Person

Kurt Höretzeder ist Grafikdesigner und Mitgründer des Studios Himmel mit Standorten in Scheffau und Innsbruck und des Designforums WEI SRAUM. Der gebürtige Oberösterreicher ist Teil des Projekts kreativland.tirol und gehört zum Team hinter dem Fö N Summit, der 2022 erstmals in Innsbruck stattge­funden hat.

Studie „Wie kreativ sind Tirols Unternehmen?“

Die im Rahmen des Fö N Summits von der Wirtschaftskammer Tirol in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass Kreativität zwar von fast allen der befragten UnternehmerInnen als wichtig angesehen wird, sie aber dennoch selten eine Rolle im Arbeitsalltag spielt. Ein paar Ergebnisse:

  • 93 %
    der UnternehmerInnen sagen, dass es ohne Kreativität keine Zukunftsfähigkeit gibt, aber nur jedes zweite Unternehmen will mehr Zeit für Kreativität einräumen.
  • 43 %
    sagen, dass es in Tirol kaum kreative Unternehmen gibt.
  • Nur 22 %
    definieren Kreativität annähernd richtig – obwohl sich die Unternehmen selbst als durchaus kreativ einschätzen (Durchschnittswert 7,3 von maximal 10 Punkten).
  • 75 %
    sagen, dass es bessere Rahmenbedingungen für kreatives Arbeiten braucht.

Ressourcen & Plattformen

Wer mehr Kreativität in ein Unternehmen bringen will, hat in Tirol eine große Auswahl an Einrichtungen, die sich an der Schnittstelle zwischen Wissen, Wirtschaft und Kunst mit Kreativität befassen –  beispielsweise aut. Architektur und Tirol, die Kunst- und Architekturschule Bilding in Innsbruck, WEI SRAUM Designforum Tirol oder auch die Hochschulen.



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