Wirtschaftssystem steht vor neuer Zeitrechnung

Unter dem Titel „Megawandel – Stresstest für die neue Welt der Wirtschaft“ lud die Tiroler Adler Runde bereits zur sechsten Ausgabe ihres Wirtschaftsforums. Dabei diskutierten hochkarätige Expertinnen und Experten über die ungelöste Energiefrage, die permanente Klimakrise und den branchenübergreifenden Arbeits- und Fachkräftemangel. Energieexperten zeigten sich überzeugt, dass der Gaspreis auch nach dem Ukraine-Krieg auf hohem Niveau bleibt. Knappheit könnte in diesem Winter auch Heizöl und Diesel betreffen. Amerika und China seien Hauptgewinner der aktuellen Krise, die Energieknappheit entwickle sich für Europa zum Wettbewerbsnachteil.

Nach dem großen Zuspruch aus dem Vorjahr entschied die Tiroler Adler Runde neben rund 150 geladenen Gästen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, das Forum auch heuer wieder einer breiten Öffentlichkeit via Livestream zugänglich zu machen. So konnten die spannenden Diskussionen und Vorträge erneut virtuell von zuhause bzw. unterwegs verfolgt werden.

In seiner Eröffnung freute sich Klaus Mark, Präsident der Tiroler Adler Runde, über das bereits 6. Tiroler Adler Forum und das 20-jährige Jubiläum der Tiroler Adler Runde: „Bereits 2002 wurde mit Weitblick darüber nachgedacht, welchen Beitrag die Tiroler Adler Runde für Mittel- und Kleinbetriebe in Tirol beitragen kann. Wir haben uns in den letzten Jahren aber auch zu einer Diskussionsplattform weiterentwickelt und dürfen beim 6. Tiroler Adler Forum wieder spannende Denkanstöße zu brandaktuellen Themen vermitteln. Diesen Weg werden wir in den nächsten Jahren fortsetzen, denn es gilt als Gesellschaft und Unternehmer mit Mut, Weitblick und klaren Visionen, Innovationskraft und positivem Denken weiterzukommen.“

Der Titel der Veranstaltung sei perfekt gewählt, betonte Österreichs Wirtschaftsminister Martin Kocher in seiner Eröffnungsrede. Die Zeitenwende sei eine enorm große Herausforderung für die Politik, auf lange Sicht bleibe die Teuerung das größte Problem. Die Inflationsrate würde sich heuer zwischen 7 bis 8% einpendeln mit der Gefahr, dass sich das in absehbarer Zukunft weiter verfestige. Die Versorgungssicherheit in der aktuellen Energiekrise sei oberstes Ziel der Regierung, die Entkoppelung von Strom- und Gaspreis auf europäischer Ebene habe höchste Priorität.

Die beiden Energieexperten Wolfgang Urbantschitsch, Vorstand der E-Control, und Karl Rose, OMV-Aufsichtsrat, analysierten in ihren Beiträgen die Auswirkungen der aktuellen Energiekrise. Eine 50-jährige Abhängigkeit könne man nicht in fünf Monaten beiseiteschaffen. Die Politik habe aber die richtigen Maßnahmen eingeleitet. Mit Blick auf den kommenden Winter zeigte sich Urbantschitsch zuversichtlich, der Tagesbedarf sei gedeckt, zudem werde laufend weiter eingespeichert. „Es ist gelungen, die Ausfälle aus Russland durch Gas aus Norwegen, Rotterdam und anderen Quellen teilweise zu kompensieren.“ Ein Totalausfall aus Russland hätte Auswirkungen auf Österreich, aber derzeit sei man für viele Szenarien schon sehr gut gerüstet und habe noch einige Wochen Zeit, die Speicher weiter zu befüllen. Der Gaspreis werde auch nach dem Krieg in der Ukraine nicht mehr auf das Niveau von früher fallen, betonte Rose. „Der Gaspreis wir deutlich höher sein, vielleicht rund 200% höher. Das russische Gas war sehr, sehr billig. Seit 1985 haben wir davon profitiert.“ Derzeit konzentriere man sich sehr auf den Gasnotstand, die Knappheit könnte aber auch Heizöl und Diesel betreffen. „Wir werden in diesem Winter öfter hören, dass Tankstellen keinen Diesel kriegen, das wird auch die Preise erhöhen“, so Rose. Russland sei auch in diesem Bereich sehr wichtig, nach der Corona-Krise sei international die Wirtschaft angesprungen, aber die Raffinerien hätten keine Reservekapazitäten. Die Energiepreise würden auch in Zukunft auf einem hohen Niveau bleiben, zeigte sich Rose überzeugt: „Jetzt ist der Preis hoch wegen dem Krieg, später weil wir aus den fossilen Energieträgern aussteigen müssen.“ Sollte es seitens Russlands zum Abbruch aller Lieferungen kommen, dann werde es für den Wirtschaftsstandort Europa sehr schwer. Er hoffe sehr auf die europäische Solidarität zwischen den einzelnen Ländern und dass diese auch halte, wenn zu einem Totalausfall aus Russland käme. Rose: „Amerika und China haben kein großes Energiethema und daher klare Vorteile." Diese Länder seien Hauptgewinner der aktuellen Krise. Im Gegensatz zu Europa, wo Energiepolitik oft Klimapolitik bedeute, sei in Amerika und China Energiepolitik immer auch Außenpolitik.

Die direkten Auswirkungen der Krise auf den österreichischen Wirtschaftsraum diskutierten im Anschluss unter anderem die Wirtschaftsforscherin Monika Köppl-Turyna (Direktorin EcoAustria), Roland Hebbel (GF Steinbacher Dämmstoffe) und der Wirtschaftspublizist Wolf Lotter.

Die wirtschaftliche Gesamtsituation beleuchtete Köppl-Turyna sorgenvoll, die Prognosen würden auf eine Rezession hinweisen. Wenn man in bestimmten Bereichen Produktionen zurückfahren müsse, dann wäre das eine gefährliche Entwicklung. Die Energie habe viele Jahre wenig gekostet, darauf fuße der Wohlstand, betonte Hebbel. Die Zukunft der Energie sei eine große Herausforderung, aber man könne nicht immer alles von der Politik verlangen. Die Hilfe des Staates müsse gezielter eingesetzt werden, langfristig könne man mit Energie nicht mehr so umgehen wie in der Vergangenheit. „Zuviel kümmern, erzeugt Verkümmerte“, brachte es Lotter seinerseits auf den Punkt. Krisen würden Transformation beschleunigen. „Der Blick in den Abgrund macht erfinderisch, die aktuelle Krise ist ein notwendiger Wendepunkt.“

Den Abschluss des diesjährigen Adler-Forums bildete ein Talk zwischen Erfolgsautor Marc Elsberg („Blackout“; „Gier“) und Verhaltensökonom Matthias Sutter (Max-Planck-Institut), in dessen Zentrum der Wert von Kooperation beleuchtet wurde. Elsberg wies darauf hin, dass mathematische Formeln und Forschungen des London Mathematical Laboratory belegen würden, dass Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Institutionen und Gesellschaften langfristig zu mehr Wohlstand für alle führe. „Kooperation profitiert von Unterschieden und Unterschiede von Kooperationen.“ Bereits in seinem vor über 10 Jahren verfassten Bestseller „Blackout“ habe Elsberg die Frage gestellt, wie eine Gesellschaft mit Krisen umgehe, analysierte Sutter: „Forschungen belegen, dass Kooperationen Wirtschaftstreibende weiterbringt als Konkurrenz.“ Um Zusammenarbeit in und zwischen Unternehmen erfolgreich zu gestalten sei die Vorbildwirkung entscheidend, betonte Sutter mit Blick auf verantwortungsvolles Unternehmensmanagement. „Wenn man sieht, dass andere mit an einem Strang ziehen, dann etabliert sich diese Kultur in einem System.“

7. Tiroler Adler Forum 2023 bereits fixiert

Die verschiedenen Sichtweisen und unterschiedlichen Herangehensweisen boten den Zuhörern ein breites Repertoire an Lösungssätzen und Impulsen für Wirtschaftstreibende. „Es ist uns einmal mehr gelungen einen abwechslungsreichen Diskurs zu den brandaktuellen Themen zu setzen. Ziel des Tiroler Adler Forums ist es seit jeher, als Ideenschmiede unseren Beitrag zu leisten, um möglichst gute Rahmenbedingungen für die Tiroler Wirtschaft zu schaffen. Gerade in schwierigen Zeiten sind dabei Optimismus und Tatkraft wichtige Wegbegleiter“, resümierte Ingeborg Freudenthaler, Sprecherin der Tiroler Adler Runde. Diesen Maßstab setzen sich die Organisatoren jedenfalls auch für das 7. Tiroler Adler Forum, das im Herbst 2023 stattfinden wird.

Wirtschaftssystem steht vor neuer Zeitrechnung
Das 6. Tiroler Adler Forum mit hochkarätigen Diskussionsteilnehmern (v.l.): Bestsellerautor Marc Elsberg, Verhaltensökonom Matthias Sutter, Susanne Glass (BR), Bundesminister Martin Kocher, Monika Köppl-Turyna (Direktorin EcoAustria), OMV Aufsichtsrat Karl Rose, Wolfgang Urbantschitsch (Vorstand E-Control), Roland Hebbel (CEO Steinbacher Dämmstoffe) und Wirtschaftspublizist Wolf Lotter

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