Wollig warm durch die Krise

Während die Pandemie viele Unternehmen kalt erwischte, konnte Giesswein seinen Absatz sogar steigern – dank rechtzeitiger Investitionen und dem richtigen Produkt zur richtigen Zeit.

Das Frühjahr 2020 brachte zahlreiche – meist unerfreuliche – Überraschungen für die österreichische Wirtschaft mit sich. Auch Giesswein, ein Tiroler Traditionsunternehmen aus Brixlegg, musste sich in den ersten Wochen der Pandemie mit schlechten Nachrichten auseinandersetzen, wie sich Geschäftsführer Markus Giesswein erinnert: „Das war für uns anfangs schockierend, weil die Zahlen auch online um 20 % schwächer geworden sind als in allen Jahren zuvor.“ Der gut ausgebaute Onlineshop sollte aber der große Vorteil des Wollverarbeiters werden. Nach Schließung der Geschäfte verkaufte man mehr Waren als erwartet, was dem Unternehmen einen verdoppelten Absatz und 60 Millionen Euro Umsatz bescherte.

EINE FRAGE DES TIMINGS

Giesswein war lange für Trachten, Woll- und Walkstoffe bekannt, seit der Übernahme durch die dritte Familiengeneration hat sich der Fokus aber auf Trendprodukte wie innovative Sneaker verlagert. „Mein Bruder Johannes und ich sind eine andere Generation, wir waren schon immer global denkend, modern und weltoffen“, so Markus Giesswein. Er stieß 2005 die Entwicklung des Onlineshops an, der zunächst eine Nebenrolle zum stationären Geschäft spielte. Kurz bevor die Pandemie einschlug, investierte man in Automatisierung und Erweiterung der Versandmöglichkeiten. Das zahlte sich in der neuen Ära des teils unfreiwilligen Onlineshoppings aus. „Das ist die eine Geschichte: Wir waren online und digital gut vorbereitet und andere noch nicht“, fasst Giesswein zusammen.

LANGER ATEM

Die zweite Komponente des Erfolgs in der Krise sind laut dem Unternehmer die Produkte selbst: „Die Warengruppe Hausschuhe – das habe ich damals gar nicht so vermutet – war durch das Homeoffice sehr gefragt.“ Gemeinsam mit Freizeitschuhen sind sie das Aushängeschild der Marke. Letztere hatten einen etwas rauen Start, erinnert sich Giesswein: „Es ist wie bei jedem innovativen Produkt: Am Anfang glaubt keiner an dich.“ Während die Händler den Sneakern wenig Zukunft beschieden, nahmen die ersten Konsumenten sie sehr gut auf. Damit war für die Firma klar, dass sie mit der Kundschaft direkt kommunizieren musste. Man entschied sich 2015 für eine Kombination aus Werbung auf Facebook, Instagram und Google, das Budget wuchs mit der Zeit. „Wir waren eine der Ersten, die das zu diesem Zeitpunkt im DACH-Raum so gemacht haben“, so Giesswein. Onlineshop, -werbung und das richtige Produkt brachten sie bislang gut durch die Pandemie, der Unternehmer sieht deren Einfluss aber nicht als bestimmend an: „Hätte es die Krise nicht gegeben, wäre es auch gut gelaufen.“

VERÄNDERTER MARKT

Heute ziehen Sneaker und Hausschuhe die anderen Warengruppen des Unternehmens im Onlinehandel mit. Die Verteilung des Umsatzes hat sich stark verändert: Vor Corona war das Verhältnis von online zu stationär ausgeglichen, nun werden 85 % direkt verkauft, auf die Geschäfte entfallen nur noch 15 %. Giesswein sieht einen nachhaltigen Trend: „Es hat einen riesigen Schub Richtung online gegeben, das wird sich auch nicht mehr ändern.“ Er sieht außerdem die Rolle der Geschäfte selbst im Wandel. Werbung im Netz zieht Menschen in die Läden in Wien, Kössen und Brixlegg, manche sehen sich die Waren wie in einem Showroom an und bestellen dann online. Giesswein sieht das positiv: „Der stationäre Handel hat noch Zukunft, aber nicht für jedes Konzept.“

VORTEIL IN DER KRISE

Die Kundschaft wünscht sich nicht nur einfaches Bestellen und schnelle Lieferung, sondern auch Produkte, die sie guten Gewissens kaufen kann. „Wer sich besser zur Umwelt verhält, der wird vom Kunden belohnt“, so Giesswein. Neben diesem wirtschaftlichen Anreiz motiviert das Unternehmen die Tradition zu nachhaltigem Handeln, denn Techniken wie Walken verhindern Stoffabfälle. Fallen Reste an, werden diese an eine Firma weiterverkauft, die sie zu neuer Wolle verarbeitet. „Du kannst durch sinnvolles Handeln Wert erzeugen, statt ihn zu vernichten“, sagt Giesswein. Künftig möchte man weiter optimieren und mit Liveshopping nach asiatischem Vorbild die Digitalisierung weiter für sich nutzen. In Österreich sieht Giesswein für diese viel Potenzial, es mangle aber an Menschen, die die Ideen mit ihrem Know-how umsetzen können: „Wir brauchen Leute, die ein Grundverständnis für Datenbanken und Programmieren haben.“ Letzteres gehöre ebenso in die österreichischen Lehrpläne wie Deutsch oder Englisch, so der Unternehmer: „Jeder redet von Digitalisierung, aber an der Wurzel, der Ausbildung der Jugend, wird nicht gearbeitet.“

Zum Unternehmen

Giesswein ist ein Familienunternehmen mit Sitz in Brixlegg und wird in dritter Generation von den Giessweins geführt. Die Spezialität der Firma ist die Verarbeitung von Wolle, produziert wird in Tirol.

  • Umsatz: 60 Millionen Euro
  • Umsatzplus von 50 Prozent (Fiskaljahr 2021 zu 2020)
  • Wachstum von 115 Prozent in den letzten zwei Jahren
Wollig warm durch die Krise
Markus und Johannes Giesswein (v. l.) möchten alte Strukturen aufbrechen und neues Potenzial entfalten.

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