Die Zukunft des Bauens

In der Bauwirtschaft bahnt sich gerade eine digitale Transformation an, die die Art und Weise, Gebäude zu planen, zu bauen und zu warten, für immer verändern wird.

Man stelle sich vor: Es ist Fußball-Europameisterschaft, die Regeln ändern sich von EM zu EM, die Spieler kennen sich untereinander nicht und trotzdem wollen sie gewinnen. Diesen Vergleich zieht Anton Rieder, um die Komplexität zu beschreiben, die derzeit in der Bauwirtschaft das Arbeiten prägt. „Im Prinzip bauen wir immer Prototypen“, sagt der Bauunternehmer Innnungsmeister der Landesinnung Bau in der Wirtschaftskammer Tirol.

Die Branche kennzeichne sich seit mittlerweile 30 Jahren durch hohe Arbeitsteilung, wenig Standardisierung und starke Personenabhängigkeit des Erfolgs – stärker als andere Industrien. Seit einigen Jahren ändert sich das: Die Digitalisierung bringt neue Spielregeln für die Branche und Tools, die den kompletten Bauprozess verändern, ist Rieder überzeugt.

GROSSER UMBRUCH

Digitale Tools halten mehr und mehr Einzug im Bau und verändern und vernetzen Arbeitsweisen und Betriebe. Auch in Tirols Bauwirtschaft nimmt die Digitalisierung an Fahrt auf, wenngleich etwas langsamer als in anderen Bereichen. Das hat laut Rieder mehrere Gründe, unter anderem diesen: „Wir stellen langfristige Güter her und keine schnelllebigen Konsumgüter. Da macht man nicht jeden Trend mit.“ Doch die Digitalisierung sei bekanntlich mehr als ein Trend und künftig maßgeblich erfolgsentscheidend.

WERTVOLLE DATEN

Als eine Arbeitsmethode der Zukunft, die schon länger vereinzelt Anwendung findet und künftig noch mehr an Bedeutung gewinnen wird, nennt Rieder das Building Information Modeling, kurz BIM (siehe Factbox Seite 35). Auch in seiner Baufirma setzt er BIM seit 2011 ein. „BIM ermöglicht es, ein digitales Abbild des Gebäudes zu schaffen, noch bevor es dieses in der Realität gibt“, erklärt der Baumeister. Es handelt sich um ein digitales Arbeitsmittel, das die Planung, Errichtung und das Facility Management optimiert. Mit einer speziellen Software werden von verschiedenen am Projekt Beteiligten, wie Architekten, Ingenieuren oder Fachplanern, für das Bauwerk relevante Daten erfasst und miteinander verknüpft. Das reduziert die für die Branche typische hohe Fragmentierung im Planungs- und Bauprozess.

AUFWAND, DER SICH LOHNT

„BIM ersetzt sequenzielles durch integrales und kollaboratives Arbeiten. Wir können damit den Bau simulieren, sehr exakte Mengen ermitteln und Zeitabläufe berechnen“, zählt Rieder einige der Vorzüge auf. Ein weiteres Plus ist der verfügbare Datenschatz zum Gebäude, was unter anderem die Nutzung, den Betrieb und die Werterhaltung des Bauwerks nach seiner Fertigstellung erleichtern und verbessern kann.

Rieder räumt ein, dass der große Datenpool eine Herausforderung darstellt: Sämtliche Informationen müssen strukturiert werden, außerdem gebe es noch keine Standards. Das erschwere den Austausch unter den BIM-Anwendern. Aber: „Der Mehrwert überwiegt und macht den Mehraufwand wett“, ist er überzeugt.

NEUE STRUKTUREN

Der Landesinnungsmeister geht davon aus, dass die Digitalisierung bestehende Strukturen in der Branche aufbrechen wird. Der Grundsatz der Zukunft laute: Zuerst planen, dann bauen. Es werde stabilere Teams und Prozessabläufe sowie mehr Vorfertigung geben. Die Baustelle werde mehr zur Montagestelle.

Rieder rechnet damit, dass die Grenzen zwischen Projektplanung und -ausführung genauso wie bisher gewohnte Hierarchien im Bau immer mehr verschwinden werden – auch in Tirol. „Es wird mittlere und größere Betriebe geben, die als Totalanbieter auftreten können und unter deren Schirmherrschaft mehrere Handwerker zusammengeführt werden.“

GESCHÄFTSMODELLE ÜBERPRÜFEN

Rieder appelliert daher an die Bauunternehmen im Land, sich mit dem Thema Digitalisierung auseinanderzusetzen. Dabei bietet die Wirtschaftskammer allen Betrieben – speziell kleinen und mittelständischen –, Unterstützung, etwa in Form von Coachings, Ausbildungen oder der Prüfung des digitalen Reifegrads des eigenen Unternehmens. Zu diesem Zweck wurde auch die Zukunftsagentur Bau der Bundesinnung mit Ablegern in den neun Bundesländern gegründet. „Es geht darum, das eigene Geschäftsmodell zu analysieren und zu schauen, wie zukunftstauglich es ist, um in zehn, 15 Jahren noch mitspielen zu können“, sagt Rieder.

7 Fragen an Anton Rieder

  1. Das Bauvorhaben von morgen beginnt mit: einem perfekten Gebäudemodell.
  2. Für Tiroler Bauunternehmen bringt die kommende Digitalisierungswelle: die Chance, wettbewerbsfähig zu bleiben.
  3. Digitale Tools schaffen: meistens, aber nicht immer einen Mehrwert.
  4. Um als mittelständisches Unternehmen weiterhin erfolgreich zu sein, muss man: eine digitale Strategie haben.
  5. Digitalisierung beeinflusst den Fachkräftemangel: indem sie uns dabei unterstützt, die Fachkräfte effektiver einzusetzen.
  6. Die Anforderungen für eine Karriere am Bau: werden sich deutlich verändern.
  7. Nachhaltigkeit am Bau wird: ein Schwerpunktthema der nächsten zehn bis 15 Jahre sein.

  • Anton-Rieder

    „ Es geht darum, das eigene Geschäftsmodell zu analysieren und zu schauen, wie zukunftstauglich es ist, um in zehn, 15 Jahren noch mitspielen zu können.“ Anton Rieder Landesinnungsmeister Bau Tirol

Die Zukunft des Bauens
Building Information Modeling, kurz BIM, ist ein digitales Arbeitstool. Dabei werden alle gebäuderelevanten Daten in einem digitalen Zwilling angelegt.

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