„Nachhaltig, lange bevor es den Begriff gab“

Andrea Berghofer leitet Adler Lacke bereits in der dritten Generation. Unter ihrer Führung wurde das Familienunternehmen als eines der ersten in der Chemiebranche 100 % klimaneutral und baut auch in anderen Bereichen seine Rolle als Innovationsführer weiter aus.

Wann war Ihnen klar, dass Sie in die Fußstapfen Ihres Vaters und Groß­vaters treten wollen?

Andrea Berghofer: In einem Familienunternehmen wächst man von Kindheit an im Betrieb auf, Adler war bei uns zuhause immer ein wichtiges Thema. Ich bin schon in jungen Jahren in unseren Farbenfachmarkt Tirolack eingestiegen und habe unser Geschäft neun Jahre lang geleitet. Dann war ich bereit für den nächsten Schritt. Den Handel hatte ich mit all seinen Besonderheiten kennengelernt, ich spreche drei Sprachen und verfüge über eine gute kaufmännische Ausbildung. Deshalb habe ich meinen Vater gebeten, mir auch im Adler-Werk Verantwortung zu übertragen. Hier habe ich zuerst alle Abteilungen kennengelernt und bin dann 1999 in die Geschäftsführung eingetreten und an den Herausforderungen stetig gewachsen.

Sie führen Ihr Unternehmen seit nun 20 Jahren in dritter Generation. Wie wichtig ist das stabile Fundament des Familienunternehmens für den Erfolg und die Weiterentwicklung von Adler Lacke?

Als Familienunternehmen stehen Unabhängigkeit und Stabilität für uns an erster Stelle. Die nachhaltige Sicherung unseres Unternehmenserfolgs und der Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter ist uns wichtiger als der schnelle Profit – wir denken in Generationen. Dazu kommt, dass in unserem Familienunternehmen seit jeher ein besonderer Geist herrscht, der bereits von meinem Großvater, meiner Großmutter und meinem Vater herrührt. Grundprinzipien wie Kunden­orientierung, schnelle Entscheidungen, Qualitätsbewusstsein, Verantwortung gegenüber der Natur oder ein gutes, respektvolles Miteinander im Unternehmen, die schon ihnen wichtig waren, gelten bei Adler nach wie vor. So schaffen wir eine stabile Basis, um künftigen Herausforderungen selbstbewusst begegnen zu können.

Wie unterscheidet sich Ihr Führungsstil von dem Ihres Vaters?

Das lässt sich schwer vergleichen. Mein Vater hat Adler 1964 in der Aufbauphase mit 30 Mitarbeitern übernommen, heute haben wir 620 Mitarbeiter an Standorten in acht europäischen Ländern. Bei einem Unternehmen der Größe, wie Adler sie heute erreicht hat, ist es nicht mehr möglich, sich mit jedem Detail selbst zu befassen. Man muss seinen Mitarbeitern die Möglichkeit geben, sich mit Eigeninitiative und Verantwortung selbst einzubringen, und ihnen Spielraum für eigene Entscheidungen einräumen. Was ich trotz der unterschiedlichen Rahmenbedingungen aber auf jeden Fall mit meinem Vater gemeinsam habe: Wie er bin ich mit Herzblut und Leidenschaft bei der Sache, und wie er gehe ich jeden Tag mit Freude in unser Familienunternehmen.

Wie bleibt man, vor allem als alteingesessenes Familienunternehmen, hungrig nach neuen Erfolgen und offen für Veränderungen und Innovationen?

Indem wir gemeinsam mit unseren Mitarbeitern neugierig bleiben und mit offenen Augen und Ohren durchs Leben gehen. Bei Adler ist uns ein enger Kontakt mit unseren Kunden sehr wichtig. So wissen wir stets, was sie brauchen und welche Ideen und Anliegen sie haben, und erhalten wertvolle Impulse, die wir zu innovativen Produkten und Services weiterentwickeln. Innovationen finden bei uns nicht nur in der Forschung und Entwicklung statt, sondern in allen Abteilungen. Mit Einrichtungen wie dem Adler-­Ideenpool und unserem bereichsübergreifenden Innovationsteam können alle Mitarbeiter an unserem Innovationsprozess mitwirken.

Unter Ihrer Führung ist Adler zu 100 Prozent klimaneutral geworden und auch die eigenen Produkte werden immer nachhaltiger und umweltfreundlicher. Warum ist Ihnen das Thema Umwelt und Nachhaltigkeit wichtig?

Ein rücksichtsvoller Umgang mit der Umwelt, das Bekenntnis zum regionalen Standort und ein gutes Miteinander in unserem Adler-Team sind seit jeher Teil unserer Unternehmensphilosophie. Man könnte sagen: Adler war nachhaltig, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Diesen Weg der Nachhaltigkeit werden wir auch in Zukunft fortführen und weiter ausbauen. Dass Adler als eines der ersten Unternehmen der Lackbranche zu 100 Prozent klimaneutral arbeitet, ist dabei ein wichtiger Meilenstein, aber gleichzeitig nur eine Maßnahme unter vielen, die wir laufend setzen.

„Corporate Social Responsibility“ und „Klimaneutralität“ lassen sich nicht eins zu eins in bare Münze umwandeln. Warum ist es Ihnen trotzdem ein Anliegen, sich in diesen Bereichen zu engagieren?

Als Unternehmen tragen wir eine besondere Verantwortung: gegenüber der Umwelt, gegenüber unseren Mitarbeitern und ihren Familien, gegenüber unserer Region. Nachhaltigkeit bedeutet für uns, diese Verantwortung bewusst und aktiv wahrzunehmen und mit Vehemenz umzusetzen. Das sind Investitionen in die künftigen Generationen.

Sind nachhaltige Produkte und klimaneutrale Fertigung auch ein Weg, sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz zu sichern?

Die Nachfrage nach nachhaltig hergestellten, ökologischen und gesundheitsfreundlichen Produkten steigt in allen Bereichen – auch in jenem der Farben und Lacke. Darüber hinaus ist eine nachhaltige Unternehmensphilosophie unserer Familie ebenso wie unseren Mitarbeitern wichtig. Ich bin überzeugt, dass unser Bekenntnis zur Nachhaltigkeit und die Forcierung umweltfreundlicher Produkte ein wichtiger Baustein unseres künftigen unternehmerischen Erfolgs ist.

Adler ist in einigen Bereichen bereits Technologieführer. Bei welchen Produkten sehen Sie noch Potential auf Innovation?

Wir beschäftigen uns derzeit viel mit „intelligenten Beschichtungssystemen“, also Lacken, die die Oberfläche nicht nur schützen und veredeln, sondern über Zusatzfunktionen verfügen – etwa kleine Beschädigungen selbst ausgleichen oder Fingerabdrücke und Kratzer verschwinden lassen. Mit der patentierten SH-Technology für selbstheilende Holzlacke ist uns dabei eine bahnbrechende Innovation geglückt. Ein wichtiges Thema sind darüber hinaus innovative Beschichtungsverfahren wie Digitaldruck, Excimer oder Digital Embossing. Ein dritter Schwerpunkt ist die Entwicklung ökologischer Farben und Lacke aus nachwachsenden Rohstoffen. Seit einigen Monaten sind mehrere unserer Produkte, unter anderem der Allroundlack Varicolor und die Wandfarbe Aviva Terra-Naturweiß, mit dem Nachhaltigkeits-Zertifikat „Cradle to Cradle“ ausgezeichnet. „Cradle to Cradle“, „Von der Wiege bis zur Wiege“, steht für ein innovatives Kreislaufwirtschaftskonzept: Das Produkt wird aus nachwachsenden bzw. recycelbaren Rohstoffen hergestellt und besitzt nur einen minimalen ökologischen Fußabdruck.

Gerade im Personalbereich hat nicht zuletzt die Industrie mit dem Fachkräftemangel zusehends zu kämpfen. Spüren auch Sie, dass qualifizierte Arbeitskraft rar wird?

Das Thema Fachkräftemangel beschäftigt viele Unternehmen quer durch alle Branchen. Uns gelingt es erfreulicherweise nach wie vor gut, offene Stellen zu besetzen und qualifizierte Fachkräfte für unser Team zu gewinnen. Dafür wird bei uns auch sehr viel getan, denn wir wissen: In Zukunft werden sich die Mitarbeiter das Unternehmen aussuchen, in dem sie arbeiten möchten, und nicht mehr umgekehrt.

Und wie gelingt es Ihnen als Unternehmen, qualifizierte Mitarbeiter zu rekrutieren und dann im Unternehmen zu halten?

Etwa indem wir in unserem Lehrlingsprogramm selbst die Fachkräfte der Zukunft ausbilden, indem wir eng mit verschiedenen Bildungseinrichtungen, Universitäten und Fachhochschulen zusammenarbeiten und Praktikumsplätze anbieten. Natürlich sind wir auch auf verschiedenen Karrieremessen präsent. Noch wichtiger, als neue Fachkräfte zu gewinnen, ist es uns aber, mit ihnen auch langfristig zusammenzuarbeiten. Wir bieten unseren Mitarbeitern bei Adler sichere Arbeitsplätze und abwechslungsreiche Aufgabengebiete. Unsere neuen Teammitglieder erhalten in unserem Onboarding-Prozess eine fundierte Einschulung und haben die Möglichkeit, in einem Buddy-Programm durch die ersten Arbeitsmonate begleitet zu werden. Auch danach bieten wir viele Möglichkeiten zur fachlichen wie auch persönlichen Fortbildung und Weiterentwicklung sowie zahlreiche Sozialleistungen.

Fast 62 Prozent Ihrer Produkte werden exportiert. Welche Pläne haben Sie für das Exportgeschäft? Gibt es noch potentielle Zielmärkte, die Sie in den nächsten Jahren erschließen wollen?

Erfreulicherweise verfügen wir in Österreich bereits über einen sehr hohen Marktanteil, unsere Wachstumspotentiale liegen also vor allem auf den internationalen Märkten. Die Internationalisierungsstrategie, die wir seit vielen Jahren verfolgen, hat sich sehr gut bewährt. Tiefe ist uns wichtiger als Breite: Unser Ziel ist es nicht, in möglichst vielen Regionen präsent zu sein, sondern uns in ausgewählten Gebieten relevante Marktanteile zu erarbeiten. Derzeit sind wir mit unseren internationalen Vertriebsgesellschaften in acht mittel- und ost­europäischen Ländern präsent; neben der DACH-Region sind das Italien, die Slowakei, Tschechien und Polen. Als jüngste Adler-Vertriebsgesellschaft ist im vergangenen Jahr die Adler Benelux mit Sitz in den Niederlanden hinzugekommen. Darüber hinaus arbeiten wir mit Handelspartnern in vielen weiteren europäischen Ländern zusammen.

Adler Lacke produzieren und forschen nur am Standort Schwaz. Warum lagern Sie diese Tätigkeiten, wie viele andere Industrieunternehmen, nicht ins Ausland aus, wo die Kosten um einiges geringer sind?

Die Marke Adler steht für höchste Qualität, auf die sich unsere Kunden 100-prozentig verlassen können. Um dieses Niveau garantieren zu können, braucht es Mitarbeiter mit hohem Fachwissen und Einsatzbereitschaft und ein perfekt abgestimmtes Miteinander aller Abteilungen: vom Entwicklungslabor und der Anwendungstechnik über die Produktion und die Qualitätsprüfung bis zur Logistik und zum Vertrieb. Diese Voraussetzungen finden wir am Standort Schwaz, wo Adler 1934 gegründet wurde und dem wir auch weiterhin die Treue halten: In den vergangenen Jahren haben wir unser Werk um die modernste Wasserlackfabrik Europas und ein großzügiges Logistikzentrum ausgebaut, mit denen wir unsere Leistungsfähigkeit weiter steigern werden.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, um den Standort Tirol für Industriebetriebe wie den Ihren zu verbessern, was würden Sie sich wünschen?

Grundsätzlich bin ich mit dem Standort in Tirol sehr zufrieden, wir finden hier gute Rahmenbedingungen und qualifizierte und engagierte Mitarbeiter für unser Unternehmen. Was ich mir für die Zukunft wünschen würde: ein Verkehrskonzept, mit dem alle Produkte auf Schiene kommen können. Geringere Lohnnebenkosten vor allem für niedrige und mittlere Einkommen. Und mehr Gewerbegründe in der Inntalfurche, um zu verhindern, dass Industrie- und Gewerbebetriebe zunehmend in die Mittelgebirgsregionen ausweichen müssen.

„Nachhaltig, lange bevor es den Begriff gab“
Andrea Berghofer, Geschäftsführerin Adler Lacke

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